Dort wo Sie nicht nur ein Tourist sind



Da ich im kontinentalen Teil Kroatiens aufwuchs, in Varaždin, sehnte ich mich bereits als Kind nach dem Meer. Besonders traurig war ich immer im Sommer als meine Freunde aus der Nachbarschaft ihre Sachen packten und zu ihren Großeltern, Tanten, Cousins und sonstigen Familienangehörigen ans Meer fuhren. Ich dagegen verbrachte die Sommer bei angenehmen +36 Grad vorwiegend in Gesellschaft meines Hundes und dem einem oder anderen „Loser“, der keine Familienangehörige am Meer hatte oder eben wie meine Familie, nur eine allzu dünne Brieftasche hatte, um sich jährlich einen Sommerurlaub zu gönnen. Natürlich bin ich, als ich mit 25 Jahren mein Studium abschloss und Arbeit fand, so viel wie nur möglich gereist. Ich flog in alle Teile der Welt und sammelte in 10 Jahren so viele Kilometer, dass ich sie selbst nicht mehr zählen konnte. Barcelona, Madrid, Paris, London, Stockholm, Berlin, Indonesien, Vietnam, Hong-Kong – um nur einige meiner Destinationen zu nennen.

Ich bereiste Kroatien kreuz und quer, machte fast jeden Sommer Urlaub an der Adria, doch Šibenik ging ich irgendwie immer aus dem Weg. Ich weiß selbst nicht warum, Karma vielleicht. Letztes Jahr fiel mir dann letztendlich gar kein Urlaubsort mehr ein, ich war komplett ohne Ideen und fragte einen Freund wohin er gehen wird. Ich dachte – er wird mir bestimmt etwas Gutes vorschlagen oder zumindest eine Idee geben. Doch er dachte überhaupt nicht nach und meinte nur – Geh doch nach Šibenik. Ich dachte zuerst, das wäre ein Scherz, dass er mir neben Städten wie Dubrovnik, Zadar und Split, und anderen großen Zentren, die schon jahrelang als große touristische Städte gelten, diese Stadt vorschlägt, die ihre Einwohner vor nicht allzu langer Zeit begraben haben. Das ist nämlich beinahe alles, was ich über die Stadt wusste, außer dass es eine alte Stadt ist, die mal ein Industriezentrum war, jedoch nun keines mehr ist. Eine Stadt an der Autobahn zwischen Split und Zadar, dachte ich, was könnte ich dort bloß den ganzen Urlaub lang machen... Doch mein Freund meinte ich rede unsinnigen Zeugs. Šibenik sei die erste und einzige Stadt, die neben Korčula, noch so ist wie sie vor hundert Jahren war, noch nicht angesteckt vom Tourismus. Diese komische Immunität der Einwohner Šibeniks stellte mein Freund sehr plastisch dar – dies ist heute die einzige Stadt am Meer, in der dir die Einwohner, wenn sie dich erschöpft auf der Straße sehen, Hilfe anbieten werden, ja sogar einen Teller Suppe bringen, ohne dafür Geld zu verlangen. Ich fand diese Beschreibung ein wenig pathetisch, jedoch trotzdem auch intrigierend.

Nach langem Nachdenken, und nachdem ich mir des schlechten Gefühls bewusst wurde, das mich sonst auch immer überkommt, wenn ich Vorurteilen unterliege, was sonst etwas ist, das ich anderen ziemlich übel nehme, entschied ich abenteuerlich, dies sei vielleicht doch keine so schlechte Idee. Ich kann ja immer nach Vodice oder Primošten fliehen, sollte es unausstehlich werden, ja, so tröstete ich mich. Ich rief sofort drei Freunde an mit denen ich sonst auch immer auf Urlaub fahre und fand relativ schnell ein Appartement im Zentrum der Stadt. Bis zum Tag der Abreise dachte ich nicht über den Sommerurlaub in Šibenik nach, ich war nicht euphorisch und ich erwartete wirklich gar nichts. Vielleicht hatte der Aberglaube da auch seine Finger im Spiel und ich meinte – es passiert immer etwas Gutes, gerade dann wenn du keine Erwartungen hast. Außer vielleicht einem Teller Suppe in der Krise. Ein Scherz, natürlich.

Wir kamen Mitte August am Ziel an, hatten ein wenig Schwierigkeiten einen Parkplatz im Zentrum zu finden, doch fanden unser Appartement deswegen sehr schnell. Eine gemütliche Wohnung mit zwei Zimmern und Extrabett im Wohnzimmer und Blick auf einen der Plätze Šibeniks. Ich weiß nicht genau wann ich mich in die Stadt verliebte. Vielleicht war es Liebe auf den ersten Blick oder als uns am nächsten Morgen die Nachbarin weckte, die mit so viel Energie ihrem Ehemann versuchte etwas auf Dalmatisch zu erklären, dass selbst ich nicht sofort verstand, und sie machte das stundenlang, oder als wir bereits am ersten Abend nach einem Drink in der Stadt in einer kleinen Gasse, so um Mitternacht, ganz leise einen Gesangsverein (Klapa) singen hörten, einfach nur so, ohne Programm oder Plan. Das war einer der Momente, den man nie vergisst, einzigartig, könnte man behaupten. Ich möchte versuchen jede Art von Affekt zu umgehen, die man normalerweise in Reiseberichten findet, doch wenn von Šibenik die Rede ist, kann ich einfach nicht objektiv bleiben.

Nur dieser eine Gesangsverein, diese fünf oder sechs jungen Männer, die sich ohne großen Grund trafen um zu singen, weckte in mir einen zeitlosen Eindruck und alles, was ich sonst noch in der Stadt sah, vertiefte diesen Eindruck nur noch mehr. So verbrachten wir letztendlich sieben unglaubliche Tage in Šibenik. Ich erkundigte mich später nach den Gesangsvereinen und fand heraus, dass man plant ein Museum des Gesangsverein-Gesangs zu eröffnen. Man erklärte mir, dass Šibenik eine Stadt der Musik ist, und dass viele bekannte kroatische Musiker eben aus Šibenik stammen, und dass die meisten Stars der kroatischen Estrade zufälligerweise aus einer einzigen Straße der Stadt stammen. Ich besuchte sie sogar, diese Nikola Tesla Straße, Teslina genannt, mit einigen netten jungen Männern aus Šibenik, die mich führten, weil ich nett danach fragte, und spazierte neben den Häusern von Sängern wie: Arsen Dedić, Mišo und Ivana Kovač, Vice Vukov. Es gibt dort nichts Besonderes zu sehen, doch man fühlt sich irgendwie außergewöhnlich in diesem kleinen Garten der großen musikalischen Talente.

Ich besuchte später noch mit denselben Männern, die letztendlich auch unsere Freunde wurden, die Festungen Šibeniks und war nochmals fasziniert von der Festung des Heiligen Nikolaus, die im venezianischen Stil am Eingang des Kanals des Heiligen Anton errichtet wurde ( das ist aber eine andere Geschichte), der Blick von der Fortica aus war unbeschreiblich, das nicht ausgenützte Potential der Burg des Heiligen Johannes, die völlig vernachlässigt ist aber ein touristisches Juwel sein könnte, hinterließ ebenfalls einen tiefen Eindruck, doch ich freute mich darüber, dass auf der Burg des Heiligen Michael eine Bühne errichtet werden sollte. Ich spazierte tagelang die Straßen entlang, bewunderte die Steinhäuser, die Fenster und saß in den kleinen Cafés oder Restaurants, oder setzte mich einfach irgendwo hin und bewunderte alles um mich herum. Um ehrlich zu sein, fand ich kaum Zeit zum Schwimmen. Ich badete vorwiegend am Abend, als wir die Strandbars in Brodarica besuchten oder am Strand Banj im Zentrum Šibeniks, von wo aus der Blick auf die Stadt – und das sag ich jetzt nicht nur einfach so – eine Million Dollar wert ist.
Und die Menschen – hartnäckige, temperamentvolle, jedoch von gutem Charakter, denen alles auf der Welt schwer fällt, sich jedoch trotzdem darum bemühen alles zu tun, was man von ihnen verlangt...

Von einer Stadt, die ich spöttisch belachte, wurde Šibenik zu einem Ort an dem ich wahre Schönheit fand, die man so selten zu sehen bekommt, wahre Ruhe, die mir fehlte und die Glaubwürdigkeit, die ich in den Top Destinationen der Welt suchte, die jedoch immer vom Schein des Tourismus überstrahlt wurde. Zweimal fand ich mich in Städten wie Šibenik wieder, die mir den Boden unter den Füßen nahmen und sich für immer in mein Gedächtnis schlichen. Nur Städte der griechischen Insel Santorini und die spanische Stadt der hängenden Häuser Cuenca waren dermaßen schön, wunderbare Architektur und Natur, sie besaßen strenge, aber auch gastfreundliche und nette Einwohner, die mich nicht wie einen Fremden behandelten, dem man so viel Geld wie möglich aus der Brieftasche nehmen sollte und in denen es trotz all des Tourismus noch Leben gab.

Nach diesen sieben spektakulären Tagen kam ich nach Varaždin zurück, reicher an Eindrücken und einigen Facebook-Freunden. Alle meine Vorurteile kapitulierten vor dem Wunder der Architektur, die sich, wie ich vorher annahm, auf der Autobahn zwischen Split und Zadar befindet. Und ich machte bereits Pläne für den nächsten Sommer. Es bleiben noch die Nationalparks Krka und Kornati, einige Landgute, welche ich gerne besuchen möchte, aber auch die steinernen Straßen, welche ich begehen muss und meine neuen Freunden, welche ich sehen möchte.


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